Wissenschaftlich-seriös dagegen startete der zweite Tag des Symposiums. Es ging in der Keynote um Plattformen, die sich als überlegenes Geschäftsmodell in vielen digitalen Märkten durchgesetzt haben. Die Fähigkeiten, mit den gewonnenen Daten weitere Wettbewerbsvorteile zu erschließen und stetig in neue Märkte vorzudringen, machen sie zu mächtigen Playern. „Im Gegensatz zu den klassischen linearen Geschäftsmodellen basieren Plattformmodelle auf Interaktionen zwischen Nachfrage und Angebot. Und obwohl klassische Produzenten weiterhin gebraucht werden, verlagert sich ein nicht zu unterschätzender Teil der Wertschöpfung von der Produktion auf die Interaktion“, führte Dr. Holger Schmidt, Netzökonom an der TU Darmstadt, aus. „Plattformen ziehen ihre Stärke aus den Interaktionsdaten.“

Plattform-Modelle veränderten die Märkte durch das Etablieren von Allianzen in dynamischen Ökosystemen und fokussieren auf Transaktion, Innovation und Interaktion, so Dr. Schmidt. Oft schaffen gerade diese Allianzen die entscheidenden Wettbewerbsvorteile der Plattformen gegenüber klassischen Anbietern, da sie nicht nur Kunden das Leben erleichtern, sondern neue Werteströme und Netzwerkeffekte zwischen den Anbietern erzeugen. Im Ergebnis machen alle Partner im Ökosystem mehr Geschäft als vorher und können klassische Anbieter aushebeln.

Am Beispiel Amazon machte Dr. Schmidt deutlich, warum Plattformen so erfolgreich sind. „Die Öffnung für andere Online-Händler, die ihre Produkte auf der Amazon-Website verkaufen, hat das Wachstum beschleunigt“, erläuterte er. Wer die Vision einer umfassenden Auswahl habe, könne das nur mit Hilfe weiterer Händler.

Dr. Holger Schmidt, Digital Economist Netzoekonom.de; Source: #OPS2019

Das Plattform-Geschäftsmodell generiert also mehr Einnahmen durch mehr Partner. Mehr Partner bringen mehr Kunden, mehr Angebot führt zu mehr Interkationen und zu mehr Netzwerkeffekten, woraus sich wiederum die Tendenz zum exponentiellen Wachstum ergibt. Dabei gibt es laut Dr. Schmidt vier grundlegende Plattform-Geschäftsmodelle.

  • Plattformen mit Fokus auf Teilung der Ressourcen, Kapazitäten und Fähigkeiten: Komplementäre Partner aus einem zuvor analysierten Ökosystem bilden eine Allianz, um komplementäre Kapazitäten oder Ressourcen zu bündeln und zu teilen.
  • Plattformen mit Fokus auf Veränderung der Marktmechanismen: Der Plattformbetreiber führt Partner zusammen, die Marktmacht und guten Kundenzugang besitzen. Das Zusammenführen dieser Allianzpartner erweitert den Marktzugang und die Zahl der indirekten Kunden, was Netzwerkeffekte und Wachstum auslöst.
  • Plattformen mit Fokus auf Produkt- und Service-Allianzen: Produkte der Ecosystem-Partner ergänzen sich komplementär. Der Plattformbetreiber ermöglicht den Partnern, ihre Produkte gezielt über die Plattformen miteinander zu kombinieren und ihren Kunden anzubieten.
  • Plattformen mit Fokus auf Daten, KI, Technologie, Software und Internet der Dinge: Der Plattformbetreiber führt unterschiedliche Partner mit Technologie-Fokus zusammen, die ihre komplementären Technologien/Daten nutzen, um aus partnerübergreifenden Erkenntnissen datengetriebene Produkte zu entwickeln.

Wer die Mechanismen der Plattform-Ökonomie verstehe und einsetze, könne den großen Plattformen nicht nur Paroli bieten, sondern mit dem Aufbau eigener Modelle ähnlich erfolgreich werden. Dabei sei die Unternehmensgröße noch nicht einmal Voraussetzung für Erfolg, so Dr. Holger Schmidt – vielmehr gelte es, mit Ideen und agilen Geschäftsmodellen eigene Marktsektoren zu erschließen.