Er konnte natürlich noch nicht wissen, dass die drupa 2020 abgesagt werden würde, als er mit seiner Keynote den ersten Veranstaltungstag eröffnete. Denn die zielte inhaltlich auf das bevorstehende Großereignis der Branche.

Dabei präzisierte Rainer Hundsdörfer, CEO der Heidelberger Druckmaschinen AG, seine Vorstellung davon, wie Print künftig funktionieren müsse. Und er zeigte zugleich auf, welche Hürden von der Industrie noch zu nehmen sind, um die nächste Stufe der Print-Evolution zu meistern. Seine Vision über die neue „DNA for Print“ teilte er exklusiv und erstmals öffentlich mit den Teilnehmern des OPS 2020.

Natürlich ließ es sich Hundsdörfer nicht nehmen, in seiner Keynote auf die aktuelle wirtschaftliche Situation des Unternehmens einzugehen, die in jüngster Zeit von der deutschen Wirtschaftspresse ordentlich zerpflückt wurde. „Heidelberg ist weit von einem Kollaps entfernt, auch wenn seltsame Artikel durch die Landschaft geistern“, sagte Hundsdörfer. Heidelberg sei mit einem weltweiten Marktanteil von 42% bei Bogenoffsetmaschinen mehr als marktrelevant und nach wie vor als Technologieführer zu sehen. Wobei das Angebot schon lange über den reinen Maschinenbau hinausgehe und heute die konsequente Digitalisierung und Automatisierung aller Produktionsprozesse einschließe.

„Unser Weg ist es, die nächste Stufe zur smarten Druckerei zu erreichen, um dann vom smarten Print Shop zur smarten Druck-Medienindustrie zu gelangen“, sagte Hundsdörfer. Dazu müssten aber einige Fragen geklärt und Antworten gefunden werden: Wie wickle ich immer mehr Aufträge in kürzester Zeit ab? Wie erziele ich unabhängig vom Bediener konstant hohe Produktivität? Wo bekomme ich das Personal überhaupt noch her? Wie treibe ich die Digitalisierung von Prozessen weiter voran? Und wie automatisiere ich das Lieferanten- und Kundenmanagement?

Sein e Antwort auf dieses Bündel an Fragen: „Push-to-Stop – von der Vorstufe bis zur Rampe. Denn Prozessautomatisierung schafft mehr Produktivität und Digitalisierung eine bessere Zusammenarbeit von Mensch und Maschine.“

Doch für den großen Schritt zur smarten Druckindustrie reichten einzelne Module zur Effizienz- und Produktivitätssteigerung alleine nicht aus. Es müsse eine verbindende, globale und agile Plattform für kooperatives Arbeiten im Verbund von Abnehmern, Druckern, Fullfilment-Partnern und Logistik geschaffen werden, die all diese Technologien erschließt und einsetzbar macht. „So etwas können wir aber nicht alleine betreiben“, räumte Hundsdörfer ein. „Es muss herstellerübergreifend ein Projekt sein mit einem einheitlichen Zugang für alle Systeme, mit einem standardisierten Datenformat, einer einheitlichen Schnittstelle, IoT-Maschinendatenerfassung und Vendor Managed Inventory“ (die lieferantengesteuerte Bestandsverwaltung der Verbrauchsmaterialien).

Dabei machte er deutlich, dass es eine riesige Aufgabe sein wird, ein gemeinsames Datenaustauschformat zu finden. „Wir wissen ja, dass JDF nicht funktioniert“, so Hundsdörfer (an der Entwicklung von JDF war Heidelberg übrigens maßgeblich beteiligt). „Unsere Vision ist eine zentrale Plattform für automatisiertes Lieferanten- und Kundenmanagement, die alle an der Wertschöpfungskette beteiligten Partner verbindet“, argumentierte Hundsdörfer. Dass ein solches Vorhaben durchaus visionär ist, steht außer Frage. Lassen wir uns also überraschen, was aus dieser Vision wird.