Nach dem Vortrag von Dr. Schmidt sollte jeder verstanden haben, wie Plattformen funktionieren. Was sie dabei anrichten, ist damit aber noch nicht geklärt. Damit setzte sich Jörg Schieb, IT- und Onlineexperte für den WDR und Digitalexperte der ARD, auseinander. Er gilt als solider Analyst und ist seit ihren Urspüngen Beobachter der Online-Industrie. Er hinterfragt aber nicht nur bestehende Systeme wie Google, Amazon, Facebook und Co., sondern macht sich auch Gedanken über die Weiterentwicklung der Infrastruktur Internet und setzt sich dabei kritisch mit den Trends auseinander – insbesondere mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Folgen.

„Wir müssen weg von diesem Gratis-Irrsinn“, fordert Schieb, stellte den Teilnehmern des Symposiums in seiner exklusiven Pre-Note verschiedene Ansätze vor und erläuterte seine Vision vom „Internet der Zukunft“ samt seiner Infrastruktur. Denn die Formel „Alles ist kostenlos – dafür bekomme ich Deine Daten“ werde zunehmend problematischer. „Mittlerweile sollten wir eigentlich verstanden haben, dass im Internet zwar alles kostenlos zu sein scheint, dass wir aber auch etwas hergeben – und zwar nicht nur unsere Daten. Wir geben auch unsere Aufmerksamkeit her, Lebenszeit, Gesundheit mitunter auch. Das ist uns meist gar nicht bewusst. Aber vor allem sind es die persönlichen Daten, die hergegeben werden“, erläuterte Jörg Schieb. Das Schlimme nur: Niemand kontrolliert, was mit diesen Daten letztlich passiert. Und den meisten scheint es egal zu sein.

Jörg Schieb, Digitalexperte der ARD und Fachautor; Source: #OPS2019

„Wir haben das Ende der Privatsphäre bereits erreicht“, stellte Schieb fest. Das sei zwar nicht erstrebenswert, aber es sei Fakt. Aber es kümmere sich niemand darum. „Wenn Marc Zuckerberg nun eine bessere Regulierung im Internet fordert, ist das Taktik“, so Schieb. Er sei auch nicht vom Saulus zum Paulus geworden, sondern habe einmal mehr einen cleveren Schachzug gemacht, spiele auf Zeit und wolle die Verantwortung abschieben.

„Und so lange werden wir weiter ausgeschlachtet“, sagte Schieb. Und mit seiner Meinung ist er nicht alleine. Der Erfinder des World Wide Web, Sir Tim Berners-Lee, schämt sich, ihm ist das Web im heutigen Zustand peinlich, hat er öffentlich geäußert. Und ein weiterer Vordenker des Internet, Jaron Lanier, hat radikale Veränderungen angemahnt.

„Es gibt zwei krass auseinander stehende Denkprinzipien“, erläuterte Jörg Schieb. „Einmal: Alles ist kostenlos ohne Werbung und Kommerz – dann wird aber auch wirklich nichts bezahlt. Eventuell könnte man öffentlich-rechtlich etwas kuratieren, gegen eine Gebühr. Dann müssten keine Daten mehr rausgerückt werden und alle Dienste dienen dem Gemeinwohl. Das wäre das sozialistische Internet“, so Schieb. „Und dann gibt es das kapitalistische Internet, in dem jeder bezahlen muss. Keine versteckten Kosten und jeder bekommt Geld für seine Leistungen – auch die User für Postings, Fotos, Likes und Retweets. Alles hat einen transparenten Preis.“

Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Ideal wäre daher das beste aus beiden Welten, führte Jörg Schieb aus: „Keine Kontrolle durch Staaten. Denn dann besteht die Gefahr, dass sich der Staat an eigenen Interessen orientiert. Völlige Transparenz und Kontrolle für die User. Daten haben einen Wert und nicht nur Konzerne profitieren. Es müsste auch eine intelligente Regulierung etabliert werden und Themen wie Datenschutz und Privatsphäre müssten durch die UN verankert werden.“

Es gebe bereits Ansätze, die Kontrolle zurück zu erlangen. „Solid“ sei ein solches Projekt. Aber eben nur ein Projekt. „Wir müssen aber jetzt handeln. Die großen Fünf zerquetschen sonst alles“, analysierte Jörg Schieb. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass alles, was technisch machbar ist, auch gemacht wird. Und was dabei schief gehen könne, werde auch schief gehen. Wir erleben es ja gerade.